100 Jahre – ein Leben. Und was für ein Leben. Und was für eine Geburtstagsparty.
Als Monchi von Feine Sahne Fischfilet auf der Geburtstagsparty seinen Song „15 Jahre“ spielte, erzählte er von seiner Erfahrung als Jugendlicher Anfang der 2000er Jahre – von Gewalt durch rechtsextreme „Dorf-Faschisten“. Andrei Iwanowitsch war im selben Alter, als er Anfang der 1940er Jahre aus seiner Heimat von „Dorf-Faschisten“ zur Zwangsarbeit ins Nazi-Deutschland verschleppt wurde. Zwei Geschichten von 15-Jährigen – aus unterschiedlichen Zeiten, unter völlig verschiedenen Umständen. Und doch verbunden durch die Erfahrung von Gewalt und Unrecht.
Der Überlebende des Konzentrationslagers KZ Buchenwald, Andrei Iwanowitsch Moiseenko aus Minsk (Belarus), war auch in diesem Jahr anlässlich des Gedenkens an die Befreiung am 11. April 2026 in Weimar. Dieses Jahr war für ihn jedoch ein besonderer Anlass, nach Deutschland zu kommen: Am 1. Mai 2026 feierte er seinen 100. Geburtstag – in dem Land, das ihm einst unermessliches Leid zufügte und in dem er heute uneingeschränkte Freundschaft erfährt.
Andrei Iwanowitsch ist nicht nur Überlebender von Buchenwald, sondern auch der Zwangsarbeit bei der Firma HASAG in Leipzig. Aus diesem Anlass organisierte die Gedenkstätte für Zwangsarbeit eine bewegende Geburtstags(rein)feier mit viel Musik – u. a. mit der belarussischen Musikerin Sveta Ben – und einer großen Torte. Der Höhepunkt war die unvergessliche Geburtstagsparty im Deutschen Nationaltheater in Weimar: Hunderte Gäste kamen zusammen, begleitet vom belarussischen Exil Chor Volny und der Punkband Feine Sahne Fischfilet. In persönlichen Geschichten – erzählt von ihm selbst und von Wegbegleiter:innen – wurde ein Jahrhundert Geschichte lebendig.
Wenn ein 100-Jähriger, der Armut, Hunger, Krieg, KZ-Haft, Zwangsarbeit und Diktatur erlebt hat, das Lied „Ich liebe dich Leben“ singt, entsteht ein Moment der Stille. Sein Leben steht für Würde, Lebensfreude und die unerschütterliche Neugier auf die Welt. Trotz aller Brüche blieb sein Glaube an das Gute erhalten – ein Vermächtnis, das weit über seine persönliche Geschichte hinausreicht.
Im April nutzte Andrei Iwanowitsch die Zeit vor allem für Begegnungen mit jungen Menschen. In Städten wie Leipzig, Dresden, Chemnitz, aber auch in kleineren Städten wie Zwenkau, Annaberg-Buchholz, Hoyerswerda und Bautzen, beantwortete zahlreiche Fragen, teilte seine Geschichte. Den Auftakt bildete jeweils der Dokumentarfilm „Ja, Andrei Iwanowitsch“ (2018) von Hannes Farlock – eine eindrucksvolle Annäherung an sein Leben.
Solche Begegnungen sind nicht selbstverständlich. Dank gilt den Förderern in Sachsen, dem SMK, und den Teams der Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig sowie der Landesservicestelle für Lernortfahrten und der Brücke|Most-Stiftung für die Organisation.
Der größte Dank jedoch gebührt Hannes Farlock, dem Regisseur des Films und Freund von Andrei Iwanowitsch, der diese Erinnerungsarbeit sichtbar macht und seit Jahren begleitet. Ein weiterer ganz besonderer Mensch.